• Mehr Bürgerbeteiligung für mehr Akzeptanz

    Bürger möchten gerne mehr Mitspracherecht – sonst fühlen sie sich übergangen und begehren auf. Beispiele wie Stuttgart21 oder jetzt grade aktuell Teslas Gigafactory im brandenburgischen Grünheide zeigen sehr deutlich, wie schnell sich Widerstand regt. Das was auf Landesebene stattfindet, erleben aber auch die Entscheidungsträger auf kommunaler Ebene. Und genau hier liegt die Chance, mehr Bürgerbeteiligung zu wagen und damit mehr Akzeptanz zu erzeugen

    Von Peer Brockhöfer

    Ich wage mal eine steile These. Denn ich glaube, dass die Bürger in Stuttgart eigentlich gar nichts gegen einen neuen Bahnhof hatten. Im Gegenteil. Dem Vernehmen nach, wurde seitens der Bürger seit langem schon zumindest eine Erneuerung des alten Kopfbahnhofes gefordert. Also setzte sich Bahn, Landes- und Kommunalregierung zusammen und ersannen einen Plan, bekannt unter dem Namen „Stuttgart 21“. Allerdings: Die Reaktion war Unzufriedenheit und Unmut bis hin zum harten Protest inklusive robustem Polizeieinsatz und schockierenden Bildern. 

    Wollten die Stuttgarter wirklich keinen neuen Bahnhof? Doch schon, nur nicht so (Foto: Wikipedia, Jacques Grießmayer, Lizenz CC BY-SA 3.0)

    Immer wieder: vollendete Tatsachen

    Eine Tragödie, denn es war ja nichts Schlimmes passiert. Oder doch? Eben. Es geht den Bürgern offenbar nicht um das Was (den neuen Bahnhof), sondern zunehmend um das Wie (Planung unter Ausschluss der Öffentlichkeit).

    Ein aktuelles Beispiel: Eben erst liefen auf Radio Berlin Brandenburg Bilder von Menschen, die gegen Elon Musks Gigafactory bei Grünheide demonstrierten. Man reibt sich verwundert die Augen: „Menschen in einer strukturschwachen Region sind gegen die Ansiedlung zukunftsträchtiger Industrie, die Arbeitsplätze schafft, Steuern in die Kommunal- und Landeskassen spült und die dreifache Waldfläche schafft, die für den Tesla-Produktionsstandort gerodet werden muss. Wie kann das sein?“ 

    Wenn Elon Musk noch innovativer und radikaler wäre, als er ohnehin schon ist, hätte er zunächst die Bürger vor Ort überzeugt und wäre dann mit den Menschen der Region hinter sich auf die Politik zugegangen. So hätte er frühzeitig die Menschen eingebunden, von ihren Wünschen und Vorbehalten erfahren, mehr Akzeptanz erzeugt und hätte darüber hinaus für sich eine noch bessere Verhandlungsbasis gegenüber der Politik geschaffen. 

    Zukunftstechnologie nicht erwünscht? Im brandenburgischen Grünheide regt sich bürgerlicher Widerstand. (Foto: Blomst, Pixabay)

    Das ist aber nicht passiert: Die Bürger erfuhren von dem Projekt, nachdem Politik und Unternehmen bereits ausgehandelt hatten, wie die Sache von Statten gehen sollte. Eigentlich ein üblicher Prozess in einer parlamentarischen Demokratie, der vor 25 Jahren niemanden auf die Palme gebracht hätte. Aber heute, angesichts vernetzter Bürger, blitzschnell aus dem nichts organisierten Bürgerinitiativen, Emotionalisierung in Sozialen Netzwerken und Fake News scheint das klassische Prozedere nicht mehr zu funktionieren.

    Im Kleinen beginnen

    Ich bin mir sicher: Der Widerstand der Bürger liegt nicht an den Projekten an sich. Die Stuttgarter und die Brandenburger wären nur gerne gefragt – oder noch besser: eigebunden worden. Und zwar bevor die Planungen bis zu einem unumkehrbaren Status vorangetrieben worden sind. Das ist eigentlich schon alles. 

    Aber hier beginnt die Herausforderung für Entscheidungsträger in Politik und Unternehmen. Denn was sich so einfach anhört, hat es in sich: Entscheidungsträger laufen mit der Einbindung der Bürger immer Gefahr, zwischen einer Vielzahl von Partikularinteressen zerrieben zu werden, und sich ein Projekt elendig in die Länge zieht und am Ende im schlimmsten Fall Nichts dabei herauskommt. 

    Und überhaupt: Wie soll so eine Bürgerbeteiligung denn organisiert und gemanagt werden? Infoabende, Bürgersprechstunden, Diskussionsabende und ähnliche Formate sind das eine. Die sind auch richtig und wichtig. Genauso wie die Möglichkeit, Planungen im Rathaus einzusehen.  

    Analoge Bürgerbeteiligungsformate sind wichtig und gut, schließen aber oft viele Bürger aus. Digitale Plattformen ermöglichen es, eine Vielzahl von Bürgern strukturiert einzubinden. (Foto: Wikipedia, Heinrich Böll Stiftung, Lizenz CC BY-SA 2.0)

    Aber machen wir uns da bitte nichts vor: Wir wissen alle, dass dies in digitalen Zeiten nicht mehr die Bedürfnisse der Bürger erfüllt. Man mag an solchen Events in den Bürger-Dialog treten, das ist schön und manchmal verirren sich auch Bürger ins Rathaus, um Planungen einzusehen, toll. Aber welche Möglichkeiten der Einflussnahme haben denn ein Bürger tatsächlich dort? Soll er eine Mail schreiben? Und wenn ja, an wen genau? Und was soll der Ansprechpartner in der Gemeinde mit dem Einwand eines einzelnen Bürgers tun? Das ist für viele Bürger eine Black Box.

    Bürger einbinden? Gern, nur wie?

    Was also tun? Zugegeben: Bei Großprojekten ist es nicht leicht, Bürger einzubinden. Hier basisdemokratisch ranzugehen mag sogar unmöglich sein. Zu komplex ist die Materie, zu viel Geld steht auf dem Spiel, und Mitsprache erfordert auch Kompetenz, die man von weiten Teilen der Bevölkerung nicht erwarten kann und auch nicht sollte.

     Aber kleinere Projekte auf kommunaler Ebene bergen die Chance, mehr Bürgerbeteiligung zu wagen. Denn hier geht es nicht gleich um den Strukturwandel einer ganzen Region und es stehen auch nicht zig Millionen auf dem Spiel. Und die Chancen stehen nicht schlecht, alle auf einen Nenner bringen zu können, ist die Interessenlage doch meist überschaubar: Sei es beim neuen Kreisverkehr, der Umgehungsstraße, der 30er-Zone in Ortskern, der Verlegung von Bushaltestellen oder der Erneuerung von Sportstätten. 

    Einfluss strukturieren und etablieren

    Das, was wir derzeit bei Infrastrukturprojekten beobachten können, ist der Beginn eines gegenseitigen Lerneffekts: Auf der einen Seite die Bürger, die nach Einflussnahme begehren, auf der anderen Seite Gemeinden, die im Idealfall nach Möglichkeiten suchen, Einwände, Ideen und Vorschläge sinnvoll zu sammeln und auszuwerten. 

    Durch die Digitalisierung ergeben sich dafür neue Möglichkeiten. Nicht in den Sozialen Medien, die sich dafür denkbar schlecht eigenen, forcieren sie doch die Emotionalisieren von Themen und lassen sich kaum zum orgEs muss darum gehen, den Bürgern einen digitalen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie sich artikulieren können und der die Teilhabe für alle Bürger möglichst einfach macht. Sonst hat man es immer mit den gleichen engagierten Bürgern mit Zeit und Engagement zu tun.

    Eine strukturierte Plattform, auf der zu verschiedenen Themen Anregungen, Kritik und Ideen ausgetauscht werden können. Eine Plattform, auf der eine Gemeinde ihre Planungen aktiv präsentieren kann, sodass die Bürger auch davon erfahren. 

    Plattform für mehr Teilhabe

    Mit einer gut aufgesetzten und flexiblen Plattform kann eine Gemeinde ihre Bürger direkt adressieren. Beispielsweise in einem ersten Schritt vor allem die Menschen, die am direkt von einem Vorhaben betroffen sind. Etwa die Anlieger eines Straßenbauprojekts. Zu einer solchen Plattform können genau diese Menschen dann einladen, sich aktiv dazu zu äußern. Was brauchen sie, um mit einer Baustelle bestmöglich umgehen zu können? Gibt es besondere Bedürfnisse, beispielsweise von Senioren, die bedacht werden sollten?  

    Der Kreis der beteiligten kann bei Bedarf ausgeweitet werden – bis hin zur ganzen Gemeinde, die dann in einem geschützten Netzwerk Dinge vorantreiben kann. Wichtig dabei ist, dass eine klare Struktur es ermöglicht, dass nicht alle durcheinanderreden und dass die Einwände und Vorschläge auswertbar sind. 

    In Pengueen können zum Beispiel zu einzelnen Themen und Projekten sogenannte “Kategorien” erstellt werden, die dann über die praktische Funktionen verfügen: Dokumentenuplaods, Nachrichtenthreads, Agendaerstellung, Einladungen zu Treffen und Meetings, Umfragen und vieles mehr. 

    Ist eine Gemeinde strukturiert vernetzt, lässt sich Bürgerbeteiligung Schritt für Schritt sinnvoll etablieren.

    Entscheidend ist auch, dass eine digitale Plattform möglichst flexibel auf die Gegebenheiten in einer Gemeinde oder Kommune reagieren kann. Also kein vorgefertigtes Baukasten-System, dem sich dann “bitteschön” Bürger und Entscheidungsträge zu fügen haben. Denn in der Realität sind die Rahmenbedingungen, in denen Bürgerbeteiligung und Teilhabe stattfinden, zu unterschiedlich.

    Bei Pengueen können daher ganz individuell Funktionen zusammengestellt und gegebenenfalls auch entwickelt werden. So können verschiedene Herangehensweisen digital abgebildet werden. Sei es der Bürgerrat, die Einbindung von Initiativen und Vereinen oder ein Kaskadenmodell, in dem erst die direkt Betroffenen und dann in einem zweiten Schritt alle anderen Bürger und Institutionen eingebunden werden. 

    Der Weg lohnt sich 

    Es wird eine Zeit dauern, bis sich solche digitalen Netzwerke eingespielt haben, aber ich bin der Überzeugung, dass es sich lohnt. Denn darin liegt die Chance, gemeinsam bessere Lösungen zu finden, die eine höhere Akzeptanz als zuvor erfahren und für die Gemeinschaft nachhaltiger sind als jene, die mit wenig Bürgerbeteiligung entwickelt wurden. 

    Und wenn Bürger ernst genommen und enger eingebunden werden, steigt auch deren Engagement, mit anzupacken – sei es, ehrenamtlich die Patenschaft für den Rasen in neu angelegten Grünflächen, Aufgaben beim Bürgerbus zu übernehmen oder sich in der Nachbarschaftshilfe zu engagieren.

    Wenn sich Bürgerbeteiligung erstmal im Kleinen organisiert und etabliert hat, ergeben sich daraus wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen, um auch größere Projekte gemeinsam mit den Bürgern in Angriff zu nehmen und das Modell auf größere Gemeinden und Städte zu übertragen. Denn eines wird angesichts der derzeitigen Frontenbildung zwischen Politik und Bürger immer klarerer: Der Bürger wird mündiger. Also sollten wir digitale Wege finden, dem gerecht zu werden und davon zu profitieren. 

    Zum Schluss noch ein heißer Tipp zu einem Hörfunk-Feature zum Thema von Gaby Schlag und Benno Wenz: “Die Zukunft der Demokratie – Mehr Teilhabe von unten wagen“, Deutschlandfunk Kultur. Eine lohnenswerte halbe Stunde mit jeder Menge Hintergrund!

    Peer Brockhöfer ist Kommunikationsberater und Redakteur in Hamburg (www.contcom.de). Für Pengueen erstellt er seit langem Contents, macht PR und ist beratend tätig. e


    Weitere Informationen:

    – Artikel Pengueen für die Gemeinde
    – Artikel Warum Gemeinden keine lokale Social Media Plattform brauchen
    – Artikel Das Dorfleben digital

    Sprechen Sie uns an. Wir sind gespannt auf Ihre Ideen und Gedanken zur Bürgerbeteiligung in Gemeinden und Kommunen.

  • Deutscher Demografie Preis

    Der Deutsche Demografie Preis

    Demografie hat Dynamik – die Struktur der Bevölkerung verändert sich ständig. Und damit die Möglichkeiten, Bedürfnisse und Herausforderungen.
    Wandel, Wachstum und Chancen prägen die Zukunft.
    Doch welche Strukturen schaffen wir – in Unternehmen und Gesellschaft – um diesen Wandel aufzugreifen? Wie nutzen wir unsere Potenziale und Technologien, um diese Zukunft zu gestalten?

    Wer Antworten auf diese Fragen hat, verdient einen Preis. Deshalb verleihen wir in 7 fachlichen Kategorien den Deutschen Demografie Preis. Erstmals am 18. März 2020 in Berlin.

    Webseite: Deutscher Demografie Preis

    Unsere Bewerbung für Pengueen

    Zielsetzung des Projektes

    Kommunen sind befähigt, ihre Funktionen und Aufgaben im Bereich der Daseinsvorsorge mittels der Nutzung digitaler Instrumente besser und effektiver wahrzunehmen. Es existiert eine ausbaufähige digitale Anwendung, die in einem dialogischen Verfahren zwischen Anbieter und Nutzer entwickelt wurde.

    Strategie und Nachhaltigkeit

    In dem dialogischen Klärungs- und Entwicklungsprozess haben sowohl Anbieter als auch Nutzer gelernt. Die Kompetenzen in den Kommunen zur Nutzung digitaler Instrumente und zu ihrer Weiterentwicklung sind gestärkt. Die partizipativ entwickelte Anwendung wird genutzt und ausgebaut. Über den Marktplatz der Generationen u.a. werden die Erfahrungen geteilt und verbreitet.

    Wirkung und Feedback

    Pengueen ist zunächst ein Werkzeugkasten und kein vorgegebenes Programm, an das man sich anpassen muss.

    Der Einsatz von pengueen findet da statt, wo möglichst rasch ein spürbarer Nutzen erzeugt wird, und in Bereichen, wo es Mitarbeiter*innen bzw. Bürger*innen gibt, die eine Affinität zur Nutzung digitaler Instrumente mitbringen bzw. an der Nutzung Spaß haben.

    Bei Pengueen steht die/der Nutzer*in im Mittelpunkt, d.h. das Individuum oder auch die Organisation/Kommune.

    Vernetzung und Übertragbarkeit

    Derzeit werden Kommunen aus dem Programm ‚Markt der Generationen einbezogen‘, so findet regelmäßiger Erfahrungsaustausch statt. Über Netzwerkpartner (Tamen, IBIS Institut) wird das gesamte Verfahren reflektiert und weitergegeben.

    Es liegen Anfragen von Kommunen außerhalb des Marktplatzes vor.

    Rahmen und Budget

    Eigenfinanziertes Startup

    Lizenz ab 100,- €, netto / Monat

    Eine letzte Frage (Warum ist Ihr Projekt preiswürdig – was ist das Besondere an Ihrem Projekt?)

    Jede Kommune kann mit der Digitalisierung dort beginnen, wo es für sie Sinn macht; sie behält und erweitert ihre Selbstbestimmung. Soziale Prozesse werden unterstützt und nicht verformt oder gar “ersetzt”.

    Die Nutzung selbst bringt neue soziale Prozesse hervor bzw. erweitert soziale Beziehungen (z.B. neue Kommunikation/Zusammenarbeit zwischen jung und alt, Anwesenden und “Fernen”)

    Weiterführende Projektbeschreibung

    Es gibt schlechte Erfahrungen durch Verwendung standardisierter Software:

    Sie erfordert oft eine Anpassung der bestehenden Prozesse; fehlerhafte oder verbesserungswürdige Prozesse werden “zementiert”, so dass eine Weiterentwicklung dieser Prozesse bzw. Innovationen behindert oder gar verhindert werden.

    Sie bietet meist Features, die gar nicht gebraucht werden, aber dennoch bezahlt werden müssen.

    Sie ist so komplex, dass die Anwender zunächst geschult werden müssen, um damit umzugehen. Viele kommunale Mitarbeiter*innen entziehen sich und verweigern sich der Nutzung. Es gibt Angst und Scheu durch Unwissenheit.

  • Was haben Digitalisierung und Ernährung gemeinsam?

    Nun, sehr vieles, und zwar dann, wenn wir beginnen, uns damit intensiver auseinanderzusetzen. Wenn wir anfangen wollen, etwas zu ändern.

    Fleisch ist kein Gemüse; aber warum ist Gemüse nicht mein Fleisch?

    Wir wissen es doch! Massentierhaltung (Tierquälerei, CO2 / Methangas und Wasserverbrauch), moderne Krankheiten (Gicht, Herzinfarkt und Fettleibigkeit) und das liebe Geld…

    Und trotzdem ist der Umstieg auf etwas Besseres so unendlich schwer. “Wie immer!” könnte man fast schon sagen: Aufhören zu Rauchen, mehr Sport, Geld sparen. Gelernte Muster. Die zu durchbrechen, erfordert übermenschliche Kraft oder negative persönliche Erfahrungen.

    Warum mein Vergleich mit der Digitalisierung? WhatsApp ist so nah an der Digitalisierung, wie Alkohol an der veganen Ernährung … aber darum geht es mir nicht. Immerhin bringt WhatsApp die Vorteile digitaler Hilfsmittel in jede Hosentasche. Ein Seitenhieb darf noch erlaubt sein: “Kostenlos gegen Daten” ist m.E. nach vergleichbar mit dem “durch Proteine gestrecktem Fleisch“… wer mag, kann das gerne nutzen oder essen, nur aufgeklärt sollte jeder sein.

    Es sind – wie immer – Angst und Traurigkeit!

    Ich hatte einen Beraterdeal bei Stuttgart. Immer, wenn es um meinen Rückflug ging, habe ich mich eine gute Stunde vor Abflug zum Flughafen bringen lassen. Mein erster Weg am Flughafen? Direkt zu McDonalds. 20 Minuten später saß ich da… zu viel von allem. Zu viel Salz, blödes Fleisch, was ich nicht essen wollte und der Blick auf meinen Wohlstands-Bauch. Scheiße!

    Das war fast jedes Mal so; fast ein Jahr lang. Eines Tages passierte etwas merkwürdiges. Das Essen stand vor mir und auf einmal liefen mir Tränen über mein Gesicht. Ich hatte keinen Hunger. Ich war traurig. Ich hatte Heimweh! Ich wollte nach Hause.

    Doch was machte mein brillanter Verstand? Er beschützte mich, kümmerte sich um mich und präsentiert mir innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde eine Lösung: “Schau mal, da drüben, ein McDonalds. Das kennst du doch. Da ist es wie immer, fast schon wie Zuhause. Sei nicht traurig!“.

    Sei nicht traurig… warum eigentlich nicht? Ok, das würde hier jetzt zu weit führen. Aber sicher gut, wenn jeder seine Traurigkeit und seine Ängste und deren Ursachen kennt.

    Montags kommt der Chef immer etwas später…

    Was hat Saschas Heimweh mit der so genannten Digitalisierung zu tun? Nun, wir sind eingekuschelt: Ich weiß, was von mir erwartet wird, wie ich mich verhalten muss, um gute Bewertungen zu bekommen und ich kenne meinen Job, meine Kollegen, die Abläufe.

    Diese Digitalisierung und ihre Folgen sind für mich nicht greifbar. Ich war noch nie so wirklich fit am PC; ich mag kein Excel. Privat habe ich nur ein Smartphone. Haben meine Kinder mir geschenkt. Und meine Arbeit? Werde ich denn danach noch gebraucht?

    Angst klingt sicher für den einen oder anderen etwas übertrieben. Unsicherheit? Unbehagen?

    Natürlich ist es nervig, morgens vor dem Hausbesuch ins Büro fahren zu müssen, um die Patientenakte mit den Notizen der Nachtschwester einzusehen. Natürlich ist es aufwendig, die KlassenlehrerInnen der sich prügelnden Schulkinder ausfindig zu machen (ich glaube nirgends gibt es so viele Notizzettel wie in der Schule. Na gut, vielleicht noch dort, wo der Admin super sichere Passwörter ausgegeben hat … da kleben die Passwörter dann am Monitor.). Für die Rückmeldung der Eltern zur Klassenfahrt gibt man den Kindern einen Zettel mit – oder fünf. Unten ist dann ein Abschnitt, der wird unterschrieben und wieder mit in die Schule gebracht. Klappt doch alles.

    Ich spreche viel über digitale Hilfsmittel. Sicher, einiges ist auch in meinen Augen nur Spielerei, anderes wiederum führt in Firmen und bei Fachkräften zu merklicher Entlastung. Allerdings bekomme ich sehr oft als erstes vermeintlich rationale Gegenargumente, warum etwas nicht funktionieren kann. Gerne genommen: Der Datenschutz!

    Der beschützende Verstand lässt grüßen. Nur selten wird interessiert und offen nachgefragt, selten überwiegt die Neugier.

    Es bewegt sich (längst) etwas

    Wenn wir uns austauschen wollen, nutzen wir WhatsApp Gruppen, E-Mail, den Google Kalender, OneDrive, GoogleDrive, …

    … dass keiner so genau weiß, was mit unseren Daten passiert und warum die Firmen hinter diesen Angeboten Milliarden Gewinne erwirtschaften – obwohl die Dienste kostenlos sind – naja, das ist ja egal.

    Immerhin beginnen wir (schon längst und wie selbstverständlich) digitale Hilfemittel einzusetzen: Für die asynchrone Kommunikation, die zentrale Datenhaltung mit externem Zugriff und prozessbegleitende Dokumentationen. Wir nennen es nur nicht so.

    Es gibt m.E. nach aktuell eine große Lücke zwischen der “Digitalisierung in der Firma” und dem “privaten – selbstverständlichen – Gebrauch digitaler Hilfsmittel“.

    Oder so: Wir bestellen bereits abends in diesem Inn-Restaurant eine Bowl mit diesen bunten, lustigen und exotischen Bestandteilen. Die sind lecker. Und gesund. ABER: Abends müde noch etwas kochen oder unterwegs schnell etwas essen… da schalten wir auf alte Muster, fahren quasi autonom mit unseren Mustern als Chauffeur – ging ja die letzten Jahre auch.

    Ich glaube es fehlt oft schlicht das Wissen über die Möglichkeiten. Das gilt für das Essen und für die digitalen Hilfsmittel.

    Sich mal etwas gönnen

    Ich habe auf dem letzten Sommerfest unserer Hausgemeinschaft leicht alkoholisiert meinen Mitbewohnern “die Welt” erklärt, ihnen einen Vortrag über vegane Ernährung und den bevorstehenden Weltuntergang sowie den logischen Zusammenhang zwischen beidem gehalten. Ok, das war Quatsch.

    Jeder muss für sich entscheiden, was er oder sie tut. Erfahrungen kann man nicht übertragen. Und wer etwas gegen große soziale Netzwerke sagt, ist eh Verschwörungstheoretiker :-).

    Bei meinem Lieblings-Franzosen esse ich sehr gerne die Käseplatte. In vollem Bewusstsein und mit viel Genuss. Ich nutze auch gerne Notizzettel aus Papier. Es gibt für mich – z.B. in der Küche – nichts Sinnvolleres. Und dabei benutze ich die Wunderlist wirklich gerne. Aber mit fettigen Fingern beim Kochen … lieber einen Kuli als das Touch-Display.

    Schlusswort

    Ich bin vor ein paar Tagen sehr gestresst und etwas zu früh vor einem Termin in Berlin Südkreuz angekommen: “Naja, mal kann ich ja auch zu McDonalds gehen!”. 5 m vor der Tür blieb ich stehen, drehte mich um und ging zu Edeka. Das war nicht mein Verstand… das war mein Gefühl, eine Überzeugung.

    Fairerweise muss ich ergänzen, dass ich zwar gut, vegan und günstig gegessen habe… leider hatte ich aber auch gefühlte 2 kg Plastikmüll… aber gut, dazu ein anderes Mal 🙂.

    Leider habe ich kein Rezept, wie wir unseren Verstand so einbeziehen, Neues auszuprobieren (vor dem wir vielleicht etwas Angst haben), dass er uns nicht “beschützt” und schlicht blind davon abhält.

    Sei offen, probiere aus und nutze, was dich weiterbringt. Das muss nicht sein, was “alle” nutzen, aber auch nicht, was du schon immer genutzt hast.

    Wir könnten natürlich das menschliche Belohnungssystem ansprechen und für Handlungen, die dem entsprechen, kleine Aufmerksamkeiten verteilen. Aber wer würde diesen Mechanismus für seine Vorteile ausnutzen?