• Was haben Digitalisierung und Ernährung gemeinsam?

    Nun, sehr vieles, und zwar dann, wenn wir beginnen, uns damit intensiver auseinanderzusetzen. Wenn wir anfangen wollen, etwas zu ändern.

    Fleisch ist kein Gemüse; aber warum ist Gemüse nicht mein Fleisch?

    Wir wissen es doch! Massentierhaltung (Tierquälerei, CO2 / Methangas und Wasserverbrauch), moderne Krankheiten (Gicht, Herzinfarkt und Fettleibigkeit) und das liebe Geld…

    Und trotzdem ist der Umstieg auf etwas Besseres so unendlich schwer. “Wie immer!” könnte man fast schon sagen: Aufhören zu Rauchen, mehr Sport, Geld sparen. Gelernte Muster. Die zu durchbrechen, erfordert übermenschliche Kraft oder negative persönliche Erfahrungen.

    Warum mein Vergleich mit der Digitalisierung? WhatsApp ist so nah an der Digitalisierung, wie Alkohol an der veganen Ernährung … aber darum geht es mir nicht. Immerhin bringt WhatsApp die Vorteile digitaler Hilfsmittel in jede Hosentasche. Ein Seitenhieb darf noch erlaubt sein: “Kostenlos gegen Daten” ist m.E. nach vergleichbar mit dem “durch Proteine gestrecktem Fleisch“… wer mag, kann das gerne nutzen oder essen, nur aufgeklärt sollte jeder sein.

    Es sind – wie immer – Angst und Traurigkeit!

    Ich hatte einen Beraterdeal bei Stuttgart. Immer, wenn es um meinen Rückflug ging, habe ich mich eine gute Stunde vor Abflug zum Flughafen bringen lassen. Mein erster Weg am Flughafen? Direkt zu McDonalds. 20 Minuten später saß ich da… zu viel von allem. Zu viel Salz, blödes Fleisch, was ich nicht essen wollte und der Blick auf meinen Wohlstands-Bauch. Scheiße!

    Das war fast jedes Mal so; fast ein Jahr lang. Eines Tages passierte etwas merkwürdiges. Das Essen stand vor mir und auf einmal liefen mir Tränen über mein Gesicht. Ich hatte keinen Hunger. Ich war traurig. Ich hatte Heimweh! Ich wollte nach Hause.

    Doch was machte mein brillanter Verstand? Er beschützte mich, kümmerte sich um mich und präsentiert mir innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde eine Lösung: “Schau mal, da drüben, ein McDonalds. Das kennst du doch. Da ist es wie immer, fast schon wie Zuhause. Sei nicht traurig!“.

    Sei nicht traurig… warum eigentlich nicht? Ok, das würde hier jetzt zu weit führen. Aber sicher gut, wenn jeder seine Traurigkeit und seine Ängste und deren Ursachen kennt.

    Montags kommt der Chef immer etwas später…

    Was hat Saschas Heimweh mit der so genannten Digitalisierung zu tun? Nun, wir sind eingekuschelt: Ich weiß, was von mir erwartet wird, wie ich mich verhalten muss, um gute Bewertungen zu bekommen und ich kenne meinen Job, meine Kollegen, die Abläufe.

    Diese Digitalisierung und ihre Folgen sind für mich nicht greifbar. Ich war noch nie so wirklich fit am PC; ich mag kein Excel. Privat habe ich nur ein Smartphone. Haben meine Kinder mir geschenkt. Und meine Arbeit? Werde ich denn danach noch gebraucht?

    Angst klingt sicher für den einen oder anderen etwas übertrieben. Unsicherheit? Unbehagen?

    Natürlich ist es nervig, morgens vor dem Hausbesuch ins Büro fahren zu müssen, um die Patientenakte mit den Notizen der Nachtschwester einzusehen. Natürlich ist es aufwendig, die KlassenlehrerInnen der sich prügelnden Schulkinder ausfindig zu machen (ich glaube nirgends gibt es so viele Notizzettel wie in der Schule. Na gut, vielleicht noch dort, wo der Admin super sichere Passwörter ausgegeben hat … da kleben die Passwörter dann am Monitor.). Für die Rückmeldung der Eltern zur Klassenfahrt gibt man den Kindern einen Zettel mit – oder fünf. Unten ist dann ein Abschnitt, der wird unterschrieben und wieder mit in die Schule gebracht. Klappt doch alles.

    Ich spreche viel über digitale Hilfsmittel. Sicher, einiges ist auch in meinen Augen nur Spielerei, anderes wiederum führt in Firmen und bei Fachkräften zu merklicher Entlastung. Allerdings bekomme ich sehr oft als erstes vermeintlich rationale Gegenargumente, warum etwas nicht funktionieren kann. Gerne genommen: Der Datenschutz!

    Der beschützende Verstand lässt grüßen. Nur selten wird interessiert und offen nachgefragt, selten überwiegt die Neugier.

    Es bewegt sich (längst) etwas

    Wenn wir uns austauschen wollen, nutzen wir WhatsApp Gruppen, E-Mail, den Google Kalender, OneDrive, GoogleDrive, …

    … dass keiner so genau weiß, was mit unseren Daten passiert und warum die Firmen hinter diesen Angeboten Milliarden Gewinne erwirtschaften – obwohl die Dienste kostenlos sind – naja, das ist ja egal.

    Immerhin beginnen wir (schon längst und wie selbstverständlich) digitale Hilfemittel einzusetzen: Für die asynchrone Kommunikation, die zentrale Datenhaltung mit externem Zugriff und prozessbegleitende Dokumentationen. Wir nennen es nur nicht so.

    Es gibt m.E. nach aktuell eine große Lücke zwischen der “Digitalisierung in der Firma” und dem “privaten – selbstverständlichen – Gebrauch digitaler Hilfsmittel“.

    Oder so: Wir bestellen bereits abends in diesem Inn-Restaurant eine Bowl mit diesen bunten, lustigen und exotischen Bestandteilen. Die sind lecker. Und gesund. ABER: Abends müde noch etwas kochen oder unterwegs schnell etwas essen… da schalten wir auf alte Muster, fahren quasi autonom mit unseren Mustern als Chauffeur – ging ja die letzten Jahre auch.

    Ich glaube es fehlt oft schlicht das Wissen über die Möglichkeiten. Das gilt für das Essen und für die digitalen Hilfsmittel.

    Sich mal etwas gönnen

    Ich habe auf dem letzten Sommerfest unserer Hausgemeinschaft leicht alkoholisiert meinen Mitbewohnern “die Welt” erklärt, ihnen einen Vortrag über vegane Ernährung und den bevorstehenden Weltuntergang sowie den logischen Zusammenhang zwischen beidem gehalten. Ok, das war Quatsch.

    Jeder muss für sich entscheiden, was er oder sie tut. Erfahrungen kann man nicht übertragen. Und wer etwas gegen große soziale Netzwerke sagt, ist eh Verschwörungstheoretiker :-).

    Bei meinem Lieblings-Franzosen esse ich sehr gerne die Käseplatte. In vollem Bewusstsein und mit viel Genuss. Ich nutze auch gerne Notizzettel aus Papier. Es gibt für mich – z.B. in der Küche – nichts Sinnvolleres. Und dabei benutze ich die Wunderlist wirklich gerne. Aber mit fettigen Fingern beim Kochen … lieber einen Kuli als das Touch-Display.

    Schlusswort

    Ich bin vor ein paar Tagen sehr gestresst und etwas zu früh vor einem Termin in Berlin Südkreuz angekommen: “Naja, mal kann ich ja auch zu McDonalds gehen!”. 5 m vor der Tür blieb ich stehen, drehte mich um und ging zu Edeka. Das war nicht mein Verstand… das war mein Gefühl, eine Überzeugung.

    Fairerweise muss ich ergänzen, dass ich zwar gut, vegan und günstig gegessen habe… leider hatte ich aber auch gefühlte 2 kg Plastikmüll… aber gut, dazu ein anderes Mal 🙂.

    Leider habe ich kein Rezept, wie wir unseren Verstand so einbeziehen, Neues auszuprobieren (vor dem wir vielleicht etwas Angst haben), dass er uns nicht “beschützt” und schlicht blind davon abhält.

    Sei offen, probiere aus und nutze, was dich weiterbringt. Das muss nicht sein, was “alle” nutzen, aber auch nicht, was du schon immer genutzt hast.

    Wir könnten natürlich das menschliche Belohnungssystem ansprechen und für Handlungen, die dem entsprechen, kleine Aufmerksamkeiten verteilen. Aber wer würde diesen Mechanismus für seine Vorteile ausnutzen?